Traktoren, Teatinerkirche

Bauern in der Stadt


aHEU.BLOG unterwegs auf der „Land schafft Verbindung“-Demonstration in München am 22. Oktober 2019 //

Grau hängt der Nebel über München und es ist ungewöhnlich still rund um die Ludwigstraße. Dann höre ich ein volles Horn, biege ums Eck und stehe vor Zugmaschinen, so weit das Auge reicht. Gen Norden bis hinter das Siegestor, gen Süden bis zum Odeonsplatz.

Was aussieht wie eine riesengroße Agrarschau, ist der südbayerische Teil des deutschlandweiten Bauernprotests. Er wurde am ersten Oktober im Norden Deutschlands gestartet mit einer Facebook-Gruppe namens „Land schafft Verbindung“ und wuchs innert drei Wochen zu einer Bewegung von zigtausenden Landwirten heran: Die Facebook-Gruppe hat am 22.10. gut 16.800 Mitglieder, die in Regionen gegliederten Whatsapp-Gruppen werden auf einen Umfang von 75.000 Mitglieder geschätzt.

Damit sind schon zwei Dinge an „Land schafft Verbindung“ (LsV) genannt, die mir auffallen:

1. Der Protest entstand in den sozialen Medien und organisiert sich über sie.

Über Whatsapp und Co. wurden Menschen auf die Straßen gebracht, viele Menschen. Digital und dezentral wurde so eine in der realen Welt wirkende Menge aktiviert und gelenkt. Eine solch eigendynamische Organisation ist nicht selbstverständlich.

Demonstranten, Feldherrenhalle

2. Frauen ganz vorne.

Die Koordination liegt maßgeblich in weiblicher Hand. Maike Schulz-Broers, Lüneburger Heide, hat alles mit der Facebook-Seite „Land schafft Verbindung“ gestartet und alle vier Admins der Gruppe sind weiblich. Auch seitens der Politik sind es Frauen: Michaela Kaniber, Julia Klöckner, Svenja Schulze, Barbara Otte-Kinast, … Das Bild des bayerischen Orga-Teams auf dem Odeonsplatz zeigt allerdings nur Männer – Luft nach oben, Mädels! (; Auch die Münchner Demonstranten sind zum größten Teil männlich und jung = die dritte Besonderheit:

3. Die Proteste sind jung.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch beispielsweise in den Niederlanden sind es vor allem jüngere Landwirte, die gegen die aktuelle Lage vorgehen, die ihre Wut und ihre Ängste ausdrücken und ähnlich den Fridays-for-Future um ihre Zukunft bangen. Auch der Slogan „No Farmer. No Food. No Future.“ wäre auf einer klassischen Bauernverbandsveranstaltung eher selten. Dies alles zeigt vielleicht, daß mit neuen Mitteln auch die loslegen, die in bisherigen Strukturen weniger aktiv waren.

Allgäuer in Tracht, Hofgarten
Junge Allgäuer am Start!

4. Verbinden ohne Verbände.

Schon im Vorfeld des 22.10. fiel mir auf, daß immer wieder betont wurde, LsV sei unabhängig von (Bauern-)Verbänden. Diese würden zwar unterstützen, aber nicht mehr. Es erinnert mich an die Tendenzen in der Politik, in denen zumindest rhetorisch versucht wird, ‚unpolitisch Politik zu machen‘, also zum Beispiel von politischen Quereinsteigern und ohne Parteien. Die LsV-Macher wollen eine Bewegung von unten sein, eine Graswurzel-Bewegung. Diesen Ausdruck hatte auch schon „Bauer Willi“ benutzt für den von ihm angestoßenen „stillen Protest“ mit den „Grünen Kreuzen“ auf vielen Feldern. À propos Bauer Willi: Er möchte seine Grünen Kreuze nicht mit den Demonstrationen verknüpft sehen – ihm gehe es eben um stillen Protest, nicht lautstarken, und er finde die Bezeichnung „Kreuzzug“ verfehlt. Da kommen wir zum nächsten Punkt:

5. Breiter Konsens.

„Land schafft Verbindung“ wird zwar nicht von allen unterstützt – einige Verbände verlautbaren nichts und bekannte Blogger wie eben Bauer Willi oder Hofhuhn Ingmar Jaschok sympathisieren nur in bestimmten Punkten mit den Berufskollegen -, aber LsV hat es nach eigener Aussage geschafft, konventionelle und ökologische Landwirte verschiedener Betriebszweige auf die gleiche Straße zu bringen und viele Kommentare loben die Einigkeit des Berufsstands. Ein Obmann des Bayerischen Bauernverbands sagt zu mir, er finde die Aktion gut – die vielen im Verband geschriebenen Positionspapiere seien wichtig, aber wirkten ganz anders – mehr business as usual. Der Bauernverband hätte es nicht geschafft, so viele Leute zu aktivieren, wie die Kampagne „Land schafft Verbindung – Wir rufen zu Tisch“. Und er stimmt mit mir überein:

6. Der Protest hat Niveau.

Erstens sind die öffentlichen Äußerungen bisher weitgehend besonnen und ganz klar auf Dialog ausgerichtet. Die Redner in München – Georg Mayerhofer, Sebastian Dickow (Instagram, Facebook) und Andreas Bertele – haben einen sehr guten Job gemacht. Sie waren kämpferisch, deutlich und mitreißend und blieben dabei korrekt, sachlich und zugewandt, verloren auch nicht den Rest der Welt außer Augen. Auch die meisten Plakate trugen sinnvolle Aufschriften und es wurden konkrete Ziele wie zum Beispiel eine EU-weite verpflichtende Herkunftskennzeichnung gefordert.
Zweitens wurde schon im Vorfeld dazu aufgerufen, sich ordentlich zu verhalten, einvernehmlich mit der Polizei zu sein, aufgeschlossen zu Passanten und vor allem die Demo-Plätze sauber zu verlassen. Laut Aussage eines Polizisten hätte es in München außer den Blockaden durch die Zugmaschinen auch keine Beanstandungen gegeben. Tjahaa, wenn wir grad bei Zugmaschinen sind:

Traktoren Ludwigstraße

7. Landwirt schafft Demo.

Landwirte sind geborene Demonstranten. Wieso? Sie haben klar das Material auf ihrer Seite: Wer, wenn nicht sie und ihre Traktoren, kann ganz handfest eine Stadt lahmlegen? Wo ein großer Bulldog steht, steht er erstmal und ist nicht so leicht zu umfahren oder wegzuschaffen; Plakate können prima an Frontlader/-hydraulik angebracht werden; und in der heutigen Zeit kommt hinzu, daß die Schlepper sehr ‚instagramable‘, also höchst photogen sind: „Do host was drauf auf’m Bild!“. Fast alle Passanten, die ich sehe, zücken ihr Smartphone angesichts der ‚größten Agrarschau Münchens‘. Und fun fact: Es wird immer geschrieben, wieviele Traktoren unterwegs waren (in ganz D um die 15.000), aber selten Teilnehmerzahlen (;

Traktoren, Ludwigstraße

8. Wow nach außen und innen.

Ja, die Unbeteiligten bekommen große Augen bei der schieren Masse und der Größe der Gefährte. Aber auch die Demonstranten selber laufen halb ungläubig, halb stolz durch die beeindruckend aufgereihten Zugmaschinen. „Das sind alles wir?!“ scheint in den Gesichtern zu stehen. Seht hier: https://www.youtube.com/watch?v=HCzWY9Lg9Ro Und die Passanten, mit denen ich ins Gespräch komme, sind erstaunt, interessiert und verständnisvoll.

Ludwigstraße Traktoren Landwirte

9. Mehr Dialog – weniger Opferrolle.

Viele Schilder und die Redner fordern, daß mit den Landwirten gesprochen wird, nicht über sie und über ihre Köpfe hinweg entschieden. Social Media wird nicht nur einmal erwähnt. Die Landwirte sollen die eigene Stimme erheben, rausgehen, auf andere zugehen und erklären. Diese anderen sind Politiker, Verbraucher, Händler, Medien. Die Produkte und Leistungen der hiesigen Landwirtschaft müßten ihnen mehr erklärt und nahegelegt werden: Woher kommt das Essen, wie wird es gemacht, welche Arbeit steckt dahinter? Dieses Vermitteln spricht mir aus der Seele und ist ja auch mein Anliegen hier auf dem Blog und in meiner Beratung – ich hoffe, daß die jahrelangen Absichtserklärungen nun auch insgesamt mehr umgesetzt werden!

Traktkoren Plakate Haus
Lustige Überschrift (;

10. Mehr Wertschätzung.

Ich habe schon in einem anderen Blogbeitrag Wertschätzung betont (das Wort „Bauernbashing“ mag ich nicht). Ministerin Kaniber sagt auf dem Münchener Odeonsplatz, sie habe den Eindruck, daß kein Gesetz und keine Auflage die Bauern so hart träfe wie die Geringschätzung und Abwertung des Berufsstandes. Das mag sein und hängt doch zusammen, denn die Anerkennung der anderen steckt auch in der Gesetzgebung. Da liegt auch eine Lösung: Wenn wir es schaffen, daß die Menschen die Landwirtschaft und ihre Produkte mehr wertschätzen, ist vielleicht allen Seiten geholfen. Und das nicht nur als Lippenbekenntnis, sondern auch als Einkauf. Wie wir das machen? Laßt uns Wege finden!

Traktoren Männer Feldherrenhalle
Bayerische Löwen (;

PS: Dieser 22.10. war für mich ein besonderer Tag, denn er brachte buchstäblich meine ‚Welten‘ Stadt und Land zusammen. Es war ganz eigenartig, Traktoren und Landwirten auf der Münchener Ludwigstraße zu begegnen – und auch noch so vielen! Es war aufrührend und ich war froh, daß alles so friedlich verlief.

Lost Weekend, UniBuchhandlung, Traktor
Vor dem Heimatministerium

Heike, 24. Oktober 2019


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